Bist Du stimmfit für die neue Singsaison?

 In Sonstiges

Frühjahrsputz für die Singstimme nötig? Du bist nicht allein!

„Ich bin in den letzten zwei Jahren richtiggehend verstummt,“ sagte eine Klientin mir neulich, und ich weiß, sie ist damit nicht alleine.
Viele der gewachsenen Strukturen, in denen wir regelmäßig singen, sind durch das Auf und Ab der Coronawellen, Lockdowns und Kontaktbeschränkungen zerbrochen, ausgedünnt oder geschwächt worden.
Viele Chorsänger:innen haben direkt im ersten Lockdown 2020 aufgehört und haben stattdessen ein anderes Hobby verfolgt. Bands haben aufgehört zu proben, denn Auftritte gab es ja auch nicht. 
Unterricht konnte zum Teil nur online stattfinden oder fiel ganz weg. Das Ergebnis: Viele unserer Stimmen sind nicht mehr fit, untrainiert und eingerostet und somit nicht mehr so belastbar wie früher.
Das merken wir dann spätestens, wenn intensivere Proben im Chor oder mit der Band wieder beginnen.

Ist Deine Stimme eingerostet?

Warum haben wir das Singen so schleifen lassen?
Ohne ein Ziel oder einen festen Termin in der Woche ist es für die meisten Laiensänger:innen schwierig, eine regelmäßige Singpraxis zu etablieren oder aufrecht zu erhalten.

Und jetzt geht es uns wie den Menschen, die jeden Frühling aufs Neue mit dem Joggen anfangen: Alle Kondition, alle Leichtigkeit aus dem letzten Sommer ist verschwunden und muss mühevoll wieder erarbeitet werden. Das Wieder-Anfangen ist das schwierigste, denn nichts läuft so, wie wir uns das wünschen. Mist. 

Wir haben das Gefühl, unsere Stimme ist stumpfer und enger, wir können nicht mehr so lange Töne halten, ungünstige Atemgewohnheiten haben sich eingeschlichen, die Höhe ist weg, die Tiefe kraftlos. Total frustrierend, wenn wir daran zurückdenken, wie fit wir mal waren, oder?

Liebe Leute, es ist höchste Zeit für einen Frühjahrsputz!
Lasst uns unsere Stimmen wieder auf Vordermann bringen und endlich wieder singen – mit Spaß und Leichtigkeit.

Hier sind meine 5 Schritte für Deinen sängerischen Neustart – und der klappt nur mit regelmäßigem Singen. Also, steck ein bisschen Zeit und Energie in Deine Singstimme – es lohnt sich!

Dein Plan für eine frühlingsfitte Stimme

1. Setze Dir ein Ziel und mache Dir einen Plan.

Hier gibt es drei Unterschritte, die Dir Klarheit bringen:

1. Frage Dich nach dem Warum:
Warum möchtest Du die Arbeit in Deine Stimme stecken?
Gibt es ein Chorprojekt?
Suchst Du Dir ein neues Ensemble oder möchtest Du eine alte Gruppe wiederbeleben?
Möchtest Du wieder Unterricht nehmen?

2. Wo möchtest Du in drei Monaten oder Ende des Jahres stehen?
Schreibe Dein Ziel auf. Es ist auch okay, wenn Du mehrere Wünsche und mögliche Projekte brainstormst und später auswählst, worauf Du Dich fokussieren willst.
Worauf hast Du Lust?
Wie willst Du Dich fühlen?
Welche Erfahrungen möchtest Du machen?

3. Um dieses Ziel zu erreichen:
Was brauchst Du bis dahin? Zeit? Eine*n Lehrer*in oder Coach?
Welche Fähigkeiten sind noch da, an welchen musst Du arbeiten?
Wieviel Zeit  (und vielleicht Geld) musst Du investieren?
Wann kannst Du wo und wie lange üben?

2.  “Beginne, wo Du bist…

…benutze das, was Du hast. Tu, was Du kannst.“ Arthur Ashe hat das gesagt, und dieses Credo hilft, einfach anzufangen.
Du hast eine Stimme.
Du hast auch Raum und Zeit, um sie zu benutzen. Notfalls musst Du da erfinderisch und/oder sehr diszipliniert werden, um die nötigen Übeeinheiten für Dein Ziel in Deinen Tag zu integrieren.
Waren Deine Ausreden bisher keine Zeit, kein Klavier, keinen Raum zum üben? Damit ist jetzt Schluss. Auch mit zehn Minuten am Tag, a capella, im Auto, kannst Du schon schon viel ausrichten –  wenn Du mit vollem Fokus dabei bist.

Du hast Dich lange genug den ungünstigen Umständen gebeugt – jetzt fang an, so weit entfernt von Deinen idealen Übebedingungen der Alltag auch sein mag!

3. Nimm Dein Team mit an Bord!

Zum Singen gehört nicht nur die Stimme, sondern auch Körper und Geist.
Bringe Deinen Körper in Schwung, indem Du Dich gesund ernährst, viel Wasser trinkst und Dich an der frischen Luft bewegst.
Nähre Dein Sänger:innen-Ich, indem Du bewusst neue Musik erkundest, genau zuhörst oder Liveauftritte anschaust (notfalls auf YouTube).
Was bewunderst Du an anderen Sänger:innen? Genieße und erweitere Deinen musikalischen Horizont.

4. Sei wohlwollend mit Dir – und neugierig!

Die „Erwartungslücke“ ist zu Beginn enorm, und Dein innerer Kritiker wird bitter enttäuscht sein von dem, was da aus Deiner Kehle kommt. 
Lass Dich nicht ins Bockshorn jagen – mach weiter. Entspanne Kopf und Körper, schieb Erwartungen an dich selbst beiseite.
Spüre in Deine Stimme hinein und stelle ihre Bedürfnisse in den Vordergrund, nicht die Deines Egos/deines Kopfes:

Was braucht sie jetzt am meisten?
Was fühlst sich gut an?
Wo findest Du Resonanz – wo Blockaden?
Lote Deine Stimme aus: Von den tiefsten Tiefen bis zu den quietschigsten Höhen, ganz leise und ganz laut – so als würdest Du sie gar nicht kennen.
Sei neugierig: Was hat sich verändert in der Pause?
Benutze alles, was Du hast, auch wenn das Ergebnis noch nicht perfekt ist.

Probiere verschiedene Übungen und Stücke aus und finde heraus, was Dir und Deiner Stimme am meisten bringt und Spaß macht.

5. Baue Dir eine Überoutine – für JEDEN Tag!

Die harte Wahrheit: Von nichts kommt nichts, und vom bloß darüber nachdenken kommt Deine Stimme nicht wieder in Schwung.
Du hast schon ausprobiert, was Dir und Deiner Stimme guttut und Dich Deinem Ziel näher bringt.
Du weißt, wann und wo Du üben kannst (oder musst).
Mach Dir eine kleine Checkliste mit Deinen Lieblingsübungen für die nächsten Wochen, und besorge Dir die Noten oder Texte von den Stücken, die Du singen möchtest.

Am einfachsten ist es, eine neue Gewohnheit zu etablieren, indem man sie täglich ausübt.
Und auch die Stimme profitiert von kleinen, aber häufigen Übeeinheiten mehr als von seltenen Mammutsessions.
Also: Besser zehn Minuten jeden Tag als anderthalb Stunden am Samstag.

Trag Dir Deine Übezeiten in den Kalender ein und am besten setzt Du Dir eine Erinnerung ins Handy – dann vergisst Du es nicht.

Eine neue Routine solltest Du mindestens 30, besser 60 Tage sehr diszipliniert verfolgen, damit sie Teil Deines Alltags und Deiner Identität wird.
Kleb Dir jeden Tag, an dem Du gesungen hast, ein Goldsternchen als Belohnung in den Kalender – Dein Ziel ist, die Kette nicht zu durchbrechen!

Ein:e Übepartner:in ist auch eine gute Empfehlung: Dann könnt Ihr Euch gegenseitig an das Singen erinnern, Eure Fortschritte und Herausforderungen miteinander teilen und natürlich Eure Erfolge feiern!

Wenn Du Dich an diesen Plan hältst, bist Du im Nu wieder stimmfit – spätestens nach 10-14 Tagen solltest Du spürbare (noch nicht unbedingt hörbar, aber wahrscheinlich auch das) Veränderungen wahrnehmen können.
Du merkst gar keinen unterschied? Dann solltest Du vielleicht doch mal mit einem/einer Expert*in sprechen. Wahrscheinlich lohnt es sich, ein paar Monate Unterricht zu nehmen, um schlechte Gewohnheiten aufzuspüren oder Stimmstörungen zu entlarven und gezielt zu behandeln.

Denk daran, diese fünf Schritte immer mal wieder zu wiederholen – vielleicht alle drei bis sechs Monate.

Passe Deine Ziele und Routinen gern an Deinen aktuellen Alltag und Deine Prioritäten an – aber hör nicht auf zu singen!

BONUS:

Praxisübung für Dein Überepertoire: Die Flatterlippe.

Keine Ahnung, wie Du starten sollst? Bitteschön:

Ich liebe diese Übung, weil ich sie so universell einsetzen kann.
Morgens früh und mit eingerosteter Stimme zum Aufwärmen, zum zwischendurch „resetten“ und für den Cool-Down nach einem Konzert oder einer Chorprobe. Im Bad, im Auto, im Wald, beim Hausputz.

So geht’s: Lege die Lippen locker aufeinander und mach ein Geräusch, als ob Du ein Spielzeugauto nachmachst (Brmm, brmm…).  Wenn Deine Lippen nicht flattern, lege zwei Finge locker in die Wange neben den Mundwinkeln, dann klappt es meistens. 
In der unteren Mittellage mit kleinen Gleittönen rauf und runter (ohne Tonangabe) beginnen. Achte darauf, was sich gut anfühlt, stell Dich auf Deinen aktuellen Zustand ein. Erweitere den Umfang nach und nach. Achte auf eine entspannte Atmung und einen guten Stimmbandschluss (kein hauchiger Klang). Bewege Dich, um Verspannungen in Nacken, Schultern und Rumpf zu lösen. Werde Dir bewusst, wo Deine Töne im Körper schwingen und resonieren.

Erst wenn die Stimme warm ist, gehe über zu gezielten Tonhöhen und dann zum Aufbauen von Kondition und Klang in den Grenzregionen Deines Umfangs.

Zum Entspannen: Fokussiere Dich auf Gleittöne abwärts, seufze entspannt nach unten, schüttele Deinen Körper und gähne gern ein paar Mal!

Bleibe immer aufmerksam: zu schnell rutschen wir in Verhaltensmuster, die unserer Stimme nicht gut tun. Achte immer darauf, nicht zu verspannen, zu „drücken“ oder mit Engegefühl zu singen. Gehe dann wieder in eine Lage zurück, in der das Singen leicht und frei war und starte von da aus Deine Expedition aufs Neue.

 

 

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