Was ist denn ganzheitlicher Gesangsunterricht, bitte?

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von Ina Hagenau

Gestern hatte ich einen neuen Schüler, der das erste Mal überhaupt Gesangsunterricht hatte.
Sein Ziel war, in den zwei Einzelstunden, die er geschenkt bekommen hatte, ein Lied so zu bearbeiten, dass er es mit jemand anderem zusammen singen/spielen konnte.
Also sind wir mit dem Rhythmus gestartet, mit dem Gefühl für einen durchgängigen Beat und die Einsätze – denn die funktionierten noch nicht so gut und können so ein Zusammenspiel mit anderen Laienmusiker:innen sehr frustrierend machen.

Nach einiger Zeit im „Gospelschritt“ mit lautem Zählen und Text auf Rhythmus sprechen fragte er mich:

“Ina, da das ja gerade so eine Art Schnupperstunde ist: Macht man im Gesangsunterricht auch noch andere Dinge als eben Rhythmus üben und so?”

Und ich so: “Ääh, ja klar!”

Und mir wurde klar, dass das eben überhaupt nicht klar ist!

 

Was macht man eigentlich im Gesangsunterricht?!

Ein Fall von Betriebsblindheit, wie er im Buche steht. Ich mache diese Arbeit schon so lange, dass die unglaubliche Vielfalt der Arbeit an der Stimme und am Singen sich mir als ein einziger großer Organismus präsentiert, eine riesige Schaltzentrale, vor der ich stehe und nach Belieben die einzelnen Hebel betätige, so wie ich wahrnehme, dass ihr Einsatz gerade von Nöten ist.

Dass jemand, der vor derselben Schaltwand steht, nur eine unüberschaubaren Anzahl von Hebeln, Knöpfen und Reglern sieht, ohne zu wissen, dass sie überhaupt da sind –  weil ich nur einen einzigen in der Stunde beleuchtet habe! Das hatte ich total vergessen!

#facepalm. Verrückt, oder?

Aber super – danke für die Erleuchtung!
Denn ich mach gern mal das Deckenlicht an und wir schauen uns den Komplex zusammen an…

Ein komplexes Zusammenspiel von sich berührenden Faktoren

Für mich besteht die ganzheitliche Arbeit an der Singstimme aus drei großen Bereichen, die sich gegenseitig beeinflussen. Es geht niemals nur um die Stimme, niemals nur um das Singen, sondern immer auch um Körper, Gedanken, Gefühle – den ganzen Menschen eben:

  • Künstlerische Identität/Interpretation

Hierzu gehört das Textverständnis, eine individuelle Geschmacksbildung, eine Botschaft oder ein Standpunkt, der vertreten wird und kommuniziert werden soll –  und aus dem dann alle musikalischen und technischen Entscheidungen resultieren.

  • Beherrschung des Instruments/Technik

Das ist natürlich die Beherrschung der geeigneten Atemtechnik, die genaue Kenntnis des eigenen Instruments mit seinen Eigenheiten, Stärken und Schwächen und das Training von Umfang, Energiemanagement/Dynamik und Gestaltung des Stimmklangs.

  • Musikalische Ausbildung/Repertoire und Musiktheorie

Für mich ist das auf der einen Seite der Umgang mit Notenschrift, Harmonielehre/Musiktheorie und musikalischen Strukturen sowie messbaren Parametern. Auf der anderen Seite steht die Anregung, den eigenen musikalischen Horizont zu erweitern, neue Genres und musikalische Vielfalt bewusst zu erleben, unseren musikalischen Erfahrungsschatz zu bereichern und anzureichern.

„Die Technik ist der Knecht der Interpretation“

Die Entwicklung der künstlerischen Identität steht für mich ganz oben, und die beiden anderen Bereiche sind das Handwerkszeug, das einem dabei hilft, diese Identität voll auszuleben und zu kommunizieren.
Von wem das Zitat ist, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr, aber es hat sich in mein Hirn gebrannt und es ist wirklich zu meinem Credo geworden.

Je besser ich mein Instrument kenne und beherrsche, desto eher kann ich genau das ausdrücken, was ich will, weil ich weiß, wie es geht.

Je breiter mein Erfahrungshorizont ist, desto eher kann ich meinen eigenen, individuellen individuellen Weg des Ausdrucks finden (obwohl hier auch ganz klar ein unbewusster Verdauungsprozess vonstatten gehen wird/sollte).

Eine perfekte Technik nützt mir nichts, wenn das “Warum”, die echte Emotion und das Bedürfnis zur Kommunikation fehlt.  Wenn ich meine Wahrheit und meine Vision nicht kenne.

Eine breitgefächerte Repertoirekenntnis, Wissen in Musikgeschichte und die Fähigkeit Harmonien zu erklären – mega. Aber was machst DU daraus? Was wählst Du, machst Du Dir zu eigen aus der Flut des Angebots?

Darum ist das „Künstler:in-Sein“ das Wichtigste für mich.

Die Entwicklung der künstlerischen Identität erfordert eine Auseinandersetzung mit sich selbst, und genau darin liegt für mich der große Wert, der sich dann auch in anderen Lebensbereichen in Veränderungen bemerkbar macht.

Jetzt sagst Du vielleicht: “Ach, Ina, ich bin doch kein:e Künstler:in! Ich will doch nur singen lernen!”

Da widerspreche ich gern vehement.

Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder einzelne Mensch auch Künstler:in ist.
Die Fähigkeit, Kunst zu erschaffen, sich kreativ auszudrücken, ist zutiefst menschlich und auch allein unserer Spezies vorbehalten!

Ich spreche hier weder von herausragendem Talent noch von Genius, oder den sprichwörtlichen 10 000 Stunden Übung, die man braucht, um Exzellenz zu erreichen,  sondern von dem menschlichen Bedürfnis, Erfahrungen und Emotionen durch künstlerische Aktivität auszudrücken und zu verarbeiten.

 

Warum kreativer Ausdruck wichtig für Dich ist

Wenn wir kreativ sind, ob das mit singen, Klavier spielen, malen oder schreiben ist, bringen wir ein Stück unsere innersten Identität nach draußen.

Das hilft uns auch selbst, uns unserem innersten Wesenskern anzunähern.
Und dabei ist es völlig nebensächlich, wie “gut” wir dabei sind.

Kreativ zu sein hilft uns, uns selbst zu verstehen, und das schafft eine gute  Voraussetzung dafür, auch andere besser  zu verstehen. 

Darum ist es auch wichtig, dass Du Dich nicht mit anderen vergleichst, wenn Du kreativ wirst.
Wenn Du DEINE Stimme hören lässt, DEIN Lied singst, DEIN  Bild malst oder DEIN Gedicht schreibst.
Es kann sehr gut sein, dass das, was Du da an Ausdruck produzierst, den “professionellen”, kommerziellen Maßstäben nicht standhält.
Das muss es aber auch nicht, denn mit denen musst Du Dich nicht messen, wenn Du nicht willst.

Frag Dich lieber:

Was sagt mir dieser Ton/diese Songauswahl/dieser Farbton, diese Wortwahl über mich?

Wie klinge ich gerade, und möchte ich so klingen?

Wenn nicht: Was brauche ich an Handwerkszeug oder innerer Arbeit, um so zu klingen, wie es mir entspricht?

Wie und wer möchte ich SEIN?

Dann bringt das Singen Dich näher zu Dir selbst.

Technik lernen als Selbstzweck?

Viele „komplette“ Gesangsmethoden sind vor allem Bibeln der Gesangstechnik, und leider ist der Unterricht nach diesen Methoden oft (nicht immer!) sehr Technik-lastig.
Ich persönlich arbeite nicht nach einer bestimmten Methode, sondern habe einen gut gefüllten Werkzeugkoffer mit Material für die unterschiedlichsten Bedürfnisse und Eigenheiten meiner Schüler:innen.

Technik ist ein sehr wichtiger Bereich im Gesangsunterricht. Oft kommen die Schüler nämlich schon mit einer künstlerischen Vorstellung und ihnen fehlt einfach das Handwerkszeug, sie umzusetzen.
Auch der Anlass, überhaupt Unterricht zu nehmen, ist oft technisch begründet: Das Singen schmerzt, du wirst heiser, Deine Höhe wird weniger oder Du möchtest lauter singen können.
Diese Probleme zu lösen, Dir das Handwerk „Singen“ beizubringen, kann sehr viel Raum einnehmen, und das darf es auch: Jede:r Schüler:in ist anders und die Schwerpunkte im Unterricht sind unterschiedlich verteilt.

Aber ich muss mich auch fragen, was es insgesamt bedeutet, ein Stück „singen zu können“ – und das ist weit mehr als Technik!

Am Anfang steht das Loslassen und Kennenlernen

Die „Technik“ zu erlernen besteht für mich in den meisten Fällen erstmal darin, die Schüler:innen zum „unlearning“ zu bringen.
Nicht anzunehmen, was „normal“ zu sein scheint.
Nicht zu bewerten, sondern mit Interesse die eigenen Vorlieben, Gewohnheiten und Eigenheiten zu untersuchen und zu erforschen. 
Wenn wir das Handwerk Singen erlernen, ist es für mich als allererstes wichtig, dass wir unser eigenes Instrument so gut wie möglich kennen.

Das ist ein immerwährender Prozess, denn die Stimme verändert sich mit den Jahren, aber auch zu unterschiedlichen Tageszeiten und in bestimmten Situationen.
Wenn wir oft und neugierig üben, lernen wir also unweigerlich, wann unsere Stimme wie auf was reagiert.
Und wir starten am besten jeden Übetag mit einer Bestandsaufnahme und der Akzeptanz der aktuellen Gegebenheiten.

Erst dann beginnen wir zu optimieren.

 

Was muss Gesangstechnik können?

Dazu gehört zum Beispiel, die Atemräume zu dehnen, damit der Atem es leichter hat, zu fließen.
Dazu gehört aber auch, einzugreifen, wenn wir uns eine Hochatmung angewöhnt haben. Denn die macht es uns besipielsweise unmöglich, die Ausatemluft für lange Töne oder Phrasen zu dosieren.

Es gehört dazu, den Körper (und den Geist) so vorzubereiten, dass er die optimalen Rahmenbedingungen für die Stimmfunktion bietet.

Es gehört dazu, wahrnehmen zu können, wo Resonanz stattfindet und wo nicht.
Und später, Resonanz zu vergrößern und zu formen, gezielt zur Klangfärbung einzusetzen und damit zu spielen.

Es gehört dazu, Verspannungen und Blockaden erspüren und lösen zu lernen.
Und zwar immer wieder und wieder. “The next level brings the next devil” – wir lösen eine Verspannung oder Blockade und finden darunter (oder woanders) die nächste…

Es gehört dazu, mit Klang und Timbre zu experimentieren und Klangfarben, Texturen und Sounds gezielt abrufen zu können, wenn ich das möchte.
Dafür muss ich diese Sounds immer wieder ausprobieren, variieren, verändern und verbessern.

Es gehört dazu, zu hören, ob der Ton wirklich sauber ist – und wenn nicht, gegensteuern zu können.
Intonationsprobleme können unterschiedliche Ursachen haben – für Dich ist es wichtig, zu wissen, woher Deine kommen, wenn Du welche hast.
Übrigens wird die Intonation besonders bei schwierigeren Stücken besser, je besser Dein Gehör ausgebildet ist – auch das kann und solltest Du unbedingt üben!

Es gehört dazu, wahrzunehmen, wann Deine Stimme müde oder überlastet ist  – und verantwortungsvoll zu reagieren: Dich zu bremsen oder gerade nicht, eine Pause zu machen, Verspannungen zu lockern, genug zu trinken, und und und…

Und das alles mit dieser Grundhaltung des Forschens, nicht der Selbstkritik. 

Lasst uns forschen und untersuchen, nicht kritisieren!

Denn immer, wenn wir etwas Neues erlernen wollen, besteht das Risiko (eigentlich die Gewissheit!), dass wir auf dem Weg scheitern werden.
Und bei fast allen Dingen nützt es nichts, wenn wir dann frustriert oder verzweifelt oder wütend werden – am allerwenigsten aber beim Singen.

Denn der psychologische Prozess der Selbstkritik wirkt auf eine Art und Weise auf unser Nervensystem, dass dieses das Singen noch schwieriger macht!
Wir können also ganz viele Übungen machen, aber auch hier ist eine geeignete innere Haltung wichtig, um gute Resultate zu erzielen.

Die “perfekte Stimme” gibt es nicht, denn wie immer liegt Schönheit im Auge (oder in diesem Falle „Ohr“) des/der Betrachter:in.
Was uns fasziniert, sind die kleinen Makel, Besonderheiten, Ecken und Kanten.
Perfektion ist leer – das Publikum lechzt nach Persönlichkeit.
Wir wollen DICH sehen und hören, Deine Lebenserfahrung, die Wunden und Wunder, von denen Du uns erzählst. Nicht die glatte Maske der Perfektheit.

Das bedeutet nicht, dass es schlecht wäre, nach Exzellenz zu streben – aber eben technisch und künstlerisch…

Und was ist mit Noten?

“Muss ich Noten lesen können, um Singen zu lernen?“ Nein. 

Aber grundsätzlich: Ja, macht schon Sinn!

Mit “Noten” meine ich alles, was es über Musik und das Singen zu wissen gibt.
Dazu zählt Musiktheorie und Notenschrift genauso wie Harmonielehre. Diese Dinge helfen enorm, sich mit anderen Musiker:innen auszutauschen und zusammen zu spielen.
Und selbst wenn Du nur ganz alleine singen oder spielen willst: Noten und Akkorde in der richtigen Tonart aufschreiben zu können, zu wissen, wie man sich in einem Notenblatt zurechtfindet: Das kann Dir die Arbeit an Stücken erleichtern und verkürzen.
Besonders, wenn Du sie nach einigen Monaten oder Jahren wieder hervorholst und Dich fragst, was die seltsamen Hügellandschaften unter den Lyrics zu bedeuten haben…

“Standing on the shoulders of giants”

Es kann auch nicht schaden, sich mal anzuschauen, auf wessen Schultern Du heute stehst.
Woher kommt die Musik, die Du gern singst? Wo ist ihr Ursprung? Aus welchen politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Ereignissen hat sie sich entwickelt?

Und was war davor? Und davor?

Welche Instrumente gibt es eigentlich und in welchen Kontexten werden sie gespielt? Welche magst Du, welche nicht?

Hast Du schon einmal versucht…
Einen Song zu schreiben?
Zu beatboxen?
Zu improvisieren?
Zu rappen?
Ein klassisches Stück zu singen?
Eine Spoken-Word-Performance einstudiert?
Ein Lied ganz ohne Worte gesungen?
A cappella gesungen (also ohne Instrumentalbegleitung)?
In einem Chor, einer Band, einem Duo?

Noch nicht? Na dann los!

 

Mach Erfahrungen! Tu es einfach, statt darüber nachzudenken!

Leute, es gibt so viel zu entdecken da draußen! Lass Dich inspirieren von den Möglichkeiten, die die “Theorie” Dir zeigt.
Frage Dein:e Gesangslehrer:in, wenn Du etwas nicht verstehst – oder wenn Du Inspiration brauchst.
Setze um – durch Anwendung und das “Erfahren” der theoretischen Zusammenhänge in der Musik verstehst Du sie besser.

Lern ein bisschen Klavier um die Dreiklänge zu verstehen, mit denen Du fast jeden Popsong begleiten kannst.
Vertiefe Dich mit Kopfhörern in die verschiedenen Epochen der Musikgeschichte – von Blues über frühen Hip Hop zum Expressionismus und in die Gregorianik.

Alle Hör-  und Singerfahrungen die Du machst sind wie kleine bunte Mosaiksteinchen, die Deine eigene Musik bereichern. 

Bleib nicht in Deiner Blase.

Gib Deinem Horizont eine Chance, sich zu weiten! 

Das ist also alles Gesangsunterricht?!

Ja, das alles ist Gesangsunterricht. Zumindest für mich. Und ich bin mir sicher, ich hab was vergessen! Auf jeden Fall haben wir noch nicht genügend über die Psychologie beim Singen gesprochen… Manche Stunden sind fast wie kleine Therapieeinheiten!

Aber jetzt weißt Du Bescheid.
Und wenn Du das mal ausprobieren möchtest, lass uns mal sprechen. Eine Mail an i.hagenau (a) stimmste.de genügt und wir machen einen Termin für ein kostenloses Minicoaching via Zoom aus. Zu Deinem Wunschthema.

Es wäre mir eine Ehre!

PS: Du möchtest schonmal Pläne schmieden für den Unterricht oder das Singen allgemein in diesem Jahr? Dann komm zu meinem kostenlosen Workshop am Samstag, dem 29. Januar 2022. Hier kannst Du Dich anmelden.

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