Die „Kunst“ des Vorlesens – 3 Tipps von Profisprecherin Sandra Zitzen!

 In Sonstiges

Gastartikel von Sandra Zitzen
Beim Wort „Vorlesen“ werden die Meisten erst einmal an die Gute-Nacht-Geschichten ihrer Kindheit denken. Aber auch viele Erwachsene lassen sich gerne etwas vorlesen, auch wenn in diesem Zusammenhand dieser Begriff nicht unbedingt verwendet wird. Gemeint sind Hörbücher oder Live-Lesungen.

Für viele liegt der Reiz dieses Genres darin, ohne selbst lesen zu müssen, in eine Geschichte einzutauchen, dabei jedoch den Faktor Fantasie nicht ganz auszuschalten, wie es bei einem Film der Fall ist.
Dies stellt die Sprecher stimmtechnisch vor eine anspruchsvolle Aufgabe:

Im Gegensatz zu Schauspielern, die durch ihre visuelle Präsenz sowie durch Mimik und Gestik Einiges auszudrücken in der Lage sind, muss ein Hörbuchsprecher allein mit seiner Stimme einem Text und den darin agierenden Figuren Leben einhauchen.
Dazu reicht es nicht, sich mit dem puren Wortlaut der Geschichte auseinander zu setzen. Der Sprecher muss in der Lage sein, anhand von Stimmlage, Lautstärke, Sprechtempo, Melodie und Sprechweise die zum Text passende Stimmung zu kreieren.

Eine besondere Herausforderung ist es, verschiedene Charaktere und ihre Emotionen stimmlich und sprecherisch voneinander unterscheiden zu können. Dabei ist es häufig eine Frage des Geschmacks, ob wirklich jeder einzelnen Figur eine individuelle Stimme verliehen wird, wie es beispielsweise Rufus Beck in den Hörbüchern der Harry-Potter-Reihe umsetzt, oder ob die Figuren lediglich durch subtilere Änderungen voneinander abgegrenzt werden. Man könnte sagen, es wird allein mit der Stimme geschauspielert.

Dies birgt allerdings auch gewisse „Gefahren“. Wird die Stimme für die Verwirklichung verschiedener Charaktere übertrieben verstellt (für eine Kindergeschichte vielleicht teils angebracht), wirkt es in einem Erwachsenen-Hörbuch eher unpassend oder gar albern und damit unglaubwürdig. Darüber hinaus kann es durchaus zu einem falschen und daher ungesunden Gebrauch der Stimme, also einer stimmlichen Überbelastung führen, die ernsthafte Folgen, wie eine dauerhafte Schädigung der Stimme, haben kann. Für einen Berufssprecher fatal. Daher ist es unerlässlich Stimmtechniken zu beherrschen, die einer solchen Überbelastung entgegenwirken. Diese Techniken können beispielsweise bei entsprechenden Stimmcoaches erlernt werden.

Es wird also deutlich: Vorlesen ist nicht gleich Vorlesen!

Einem guten Vorleser oder Sprecher gelingt es mithilfe seiner Stimme in der Fantasie der Zuhörer eigene Bilder entstehen zu lassen, die diese so in ihren Bann schlagen, dass sie die Geschichte bis zum Ende verfolgen wollen, indem er sich selbst vollständig in die Geschichte und ihre Figuren hineinversetzt.

Vorlesetipps für kleine und große Zuhörer

Deutliches Sprechen

Unabhängig von der Art des Textes, den Du liest, und davon, ob Du einer Figur eine individuelle Stimme bzw. Sprechweise verleihst, ist eine deutliche Aussprache wichtig. Wenn die Zuhörer Dich nicht verstehen, geht die Aufmerksamkeit schnell verloren.

Spannung aufbauen

Spannung aufzubauen kann durch verschiedene Mittel erreicht werden. Kleine Pausen an ausgewählten Stellen sowie die Variation von Lautstärke und Lesetempo sind wirkungsvolle Stilmittel, um die Zuhörer zu fesseln.

Blickkontakt

Liest Du für ein anwesendes Publikum, wirkt sowohl bei Kindern, als auch Erwachsenen regelmäßiger Blickkontakt mit den Zuhörern als zusätzlicher Magnet für Aufmerksamkeit. Dann kann auch eine entsprechende Mimik eingesetzt werden, um den Inhalt zu unterstreichen.

 

Und? Was und wem lest Ihr morgen am 12. Bundesweiten Vorlesetag vor? Was sind Eure liebsten Vorlesetexte, Hörbücher, Vorleser? Wir sind gespannt auf Eure Kommentare!

Natürlich lesen auch wir Euch etwas vor! Unseren Youtube-Kanal weihen wir mit Texten von einem unserer Lieblingsautoren ein: Martin Suter! Schaut vorbei!

  • Sandra Zitzen
    Sandra Zitzen

    Sandra Zitzen ist professionelle Sprecherin und Synchronsprecherin (Akademie Deutsche POP, Köln), Sängerin und Logopädin. Sie lebt und arbeitet in Aachen.

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Comments
  • Petra
    Antworten

    Vielen Dank für den Artikel. Mit dem Thema „Vorlesen“ beschäftige ich mich nämlich seit 2 Wochen und die ersten Audios sind besprochen. Allerdings hat es mehrere Versuche gebraucht 😉 So habe ich z.B. festgestellt, dass meine Stimme morgens um 9 Uhr anders klingt als nachmittags um 16 Uhr. Es bleibt also spannend… was anfänglich Überwindung gekostet hat… macht jetzt einfach nur noch Spaß 🙂

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