1: Der knurrende „Lupus“ und die singende Lupa

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Der knurrende „Lupus“ und die singende Lupa

Meine erste Gesangslehrerin seit 1955 heißt Ina Hagenau. Davor gab es an der Schule den Lehrer Lupus. Lupus ist ein lateinisches Wort und führt uns zu einem Lebewesen, das ich sehr mag. Bleiben wir eine Minute bei „Lupus“. 

Ina sitzt mir gegenüber und schickt ihre Augen auf die Reise. Ihre Lippen zaubern ein Lächeln in die Szene. Ich nehme an, mein Gesicht wählt seine trickreich-übliche Form des recht scheuen, noch nicht entschlossenen Ausdrucks. Das macht es immer, wenn im Hintergrund Gedanken blitzen, welche mit der kritischen Untersuchung beschäftigt sind. In diesem Fall durchsetzt mit dem Satz in Moll: „Heißt sie Lupa?“ Ich bin vorerst beruhigt. Ina sieht wie Ina, wie eine allzeit singende Frau aus. Wie in dem YouTube-Film das Schneeflöckchen, in diesem Fall das Grünröckchen.

Sie erfährt von mir, dass Lupus 15 Minuten vor Ende des Musikunterrichts den zehnjährigen Knaben nachdrücklich des Raumes verwies, um aus den singbegabten Klassenkameraden ohne befremdliche Tonstörung einen Chor zu konstruieren – selbstredend nach Lupus-Ingenieursvorstellungen. Er setzte sich, noch einmal vernehmbar knurrend, an den Flügel, sie alle begannen zu singen. 

Ich stand draußen an der Tür, bohrte meine Ohren durchs Türholz und lernte, was ein außergewöhnliches Dasein bedeutet. Ich schämte mich, weil ich nicht zu singen vermochte, und beschäftigte mich zum produktiven Ausgleich mit der Verwandlung von hüpfendem Dur-Vögelchen zu einem Moll-Griesgram. Ende der historischen Betrachtung. 

Noch eine Ergänzung sei gestattet: Ich brachte dann 63 Jahre lang keinen Ton aus dem Mund, der als ein Versuch zum Singen interpretiert hätte werden können. Ich war nicht begabt, bis heute bin ich nicht begabt, so ist das. Ich habe zwar einen Hals, auch einen Mund, der im Übrigen emsig seine Arbeit und Aufträge verrichten kann. Auch die inneren Verhältnisse dieser Körperbereiche scheinen fürs Singen ausgerüstet zu sein. Doch Seele und Kopf sind andere Wege gegangen. Jedenfalls nicht zum Singen.

Jetzt sitze ich vor Ina, meiner Lehrerin, zu der ich geschickt wurde. Sie sagt: „Singen Sie jetzt Ihr Lied.“ Ich denke, sie weiß etwas. Ja, ich habe ein Lied. Ich höre es mir oft an. Ich mag es sehr. Es hat etwas mit Unerreichbarkeit und mit Liebe zu tun, mein Lied. Ich hatte mir dieses Szenario schon vorgestellt, aber nicht gedacht, dass die Lehrerin nach wenigen Minuten schon sagen würde: „Singen Sie jetzt Ihr Lied.“ 

Sie blickt mich an, lächelnd. Ein Lächeln, das aus einem singenden Herzen kommt.

Ich stehe auf – und „blöke“ los, ein Wort, das in meinen Tagebuch-Eintragungen schon noch einige Male auftauchen wird. Ich blöke mein Lied, mein Gesicht bittet um Verzeihung. Ina lächelt gar nicht mehr; sie blickt mich jetzt ruhig an und klopft an der Tür der alten Seele und sagt: „Wir werden sie öffnen.“ 

Da Rolf keine Zeit mehr hat, weil er singen übt, schreibt rd. zens für ihn.

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