2: Sie schweigt beredt, er redet wie ein Rabe

 In Sonstiges

Sie schweigt beredt, er redet wie ein Rabe*

Klar komme ich gerüstet. Ein beeindruckender Panzer schützt Hals, Brustkorb und die Lunge vor unerwarteten Überfällen. Da Ina, die Lehrerin, des Schweigens mächtig scheint, ich drücke mich ein wenig vorsichtig aus, weil ich nicht weiß, ob die Sängerin eine Philosophin oder Taktikerin ist, hatte ich beschlossen, nicht als Wolf mit Gesangstalent im Pelz, sondern als Rabe in die Schevenhüttener Str. 20a einzufliegen.

Manchmal blitzen mich schnelle, fuchsige Augen unter dem rötlich schimmernden Haar an. Der Rabe, der aus seinem langen und unvergleichlich schwarzen Leben berichtet und keinen Aspekt unbeleuchtet lassen will, kommt für eine Minute aus dem Schwalltakt, wenn Ina, nun als gestrenge Therapeutin, ihrem Schüler einen Satzfetzen, den oft zu hören das Urteil heißt, mitten ins Hirn injiziert: „Singen kann jeder, auch du (Rabe – aber das höre nur ich). „Jeder kann singen“, schiebt sie, tief überzeugt und auch mit beeindruckender Selbstverständlichkeit, hinterher, damit ihr Schüler es nicht wagt, in den nächsten fünf Minuten mit Grabes- und Zitterstimme von seinem Unvermögen zu reden. 

Die Szene, von der ich euch gerade erzähle, wiederholt sich dennoch. Anfangs alle fünf Minuten. Später sind es dann zehn Minuten, die ich warte, um endlich wieder einmal ehrlich sein zu dürfen: „Ich kann einfach nicht singen. Habe noch nie gesungen.“
Wer Ina kennt, wenn sie beispielsweise vor einem von ihr gegründeten Chor agiert, weiß, dass bei dieser Frau mit überraschenden Bewegungen zu rechnen ist: blitzschnell beginnt das Injektionsverfahren von vorn. Das „Ich-habe-noch-nie-gesungen“ endet wie es enden muss: „Singen kann jeder.“ In Wiederholung, ja klar: „Jeder kann singen.“ Nach einigen Standardeingriffen gibt auch die schöpferische Variante: „Jetzt sing!“ 

Mittlerweile entwickelt sich in mir etwas, was mein Leben lang wenig ausgeprägt war. Ich werde zum gläubigen Jünger, auch in meinem Alter. 

„Bis zum nächsten Mal“, singt und flötet sie. Lächelt freundlich: „Bitte, denk daran, singen kann jeder.“ 

Ich setze mich in den Smart. Ich höre mich singen. Nun ja, was ein geschwätziger Rabe für Singen hält. „Ich kann es nicht,“ denke ich vorsichtig und natürlich wahrheitsnah. Blicke aber vorsichthalber in den Rückspiegel.

Da Rolf keine Zeit mehr hat, weil er singen übt, schreibt rd. zens für ihn.

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