3: Löffelspiele

 In Sonstiges

Löffelspiele

Ina Hagenau empfängt ihren Schüler, ich spräche als alter Knabe recht gern von „ihrem Sorgenkind“, wie immer, nicht nur freundlich, sondern mit der Aufforderung, alles zu berichten, was mit unserem Thema „Jeder kann singen, auch du, mein Sorgenjunge“ zu tun hat.

Ich mag solche Aufforderungen, sie eröffnen Spielräume, wegführend vom konkreten Singen. Also berichte ich vom Smart-Rückspiegel und vielen, vielen anderen Dingen. Ina nickt verständnisvoll.

Ina hat etwas vor: „Was habe ich hier in der Hand?“ Ein Test. Ich sehe zwei Tee-Löffelchen. Ich gebe meine Wahrnehmung zum Besten und vermute frohgemut das Falsche: Es wird keinen Tee, nicht einmal meinen geliebten Ostfriesen-Tee, geben.
Wird sie mit zwei Löffelchen in der Hand sagen: „Aufstehen, jetzt wird gesungen!“ Nein. Ich bin erleichtert. Sie erhebt sich, ich finde, nicht nur lächelnd, sondern verschmitzt grinsend. Sie geht zum Waschbecken: „Folge mir!“

Das Wasser strahlt aus dem Metall. Links hält Ina ein Löffelchen feingliedrig und ganz zart zwischen Daumen und Zeigefinger. Rechts das gleiche Bild. Linke und rechte Hand bewegen sich langsam von außen auf den Wasserstrahl zu. Die kleinen Bäuche der Löffel geraten ans Wasser, beginnen zu vibrieren, schnattern leicht, bewegen sich so wunderbar schmiegsam im Spiel mit dem Wasser, dass ich an das Lied „Alle Vögel sind schon da“ denke.

Schnitt.

„Rolf“, sagt sie fröhlich und ernst zugleich. „Schau dir einmal in einem Anatomie-Buch die Organe an, die dich singen lassen. Wenn du dir das richtige Bild machen kannst, hast du viel verstanden.“
Ehrfürchtig nehme ich die Löffelchen in die Hand und blicke die Instrumente an. Ich hatte mich verguckt in sie, als sie ihre Lieder sangen.
Ina machte mich ahnen. So fängt es immer an. Dann fahre ich heim, bin einige Kilo leichter auf den Füßen, werfe mich hoffnungsvoll in das Wörterbuch „Wahrig“. Und tatsächlich, das Wort „Blöken“ gibt es im Deutschen gar nicht. Wenigstens für eine halbe Stunde. Ina ist eine Zauberin.

Da Rolf nur ans Singen denkt, schreibt rd. zens für ihn.

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